Die Genfer Uhrenmanufaktur Vacheron Constantin sorgt dieses Jahr bereits zum zweiten Mal für Aufsehen. Bereits im Januar, am Genfer Uhrensalon SIHH, vermochte das Haus die Blicke auf sich zu ziehen, als es eine frische Version der bekannten Kollektion „Overseas“ aus dem Ärmel zauberte. Die „Overseas“ gehört zu den Design-Ikonen der Marke und kann auf eine bewegte vierzigjährige Geschichte zurückblicken. Ihren markanten Auftritt verdankt die Uhrenlinie einerseits ihrer eigenwillig geformten Lünette, die an ein Malteserkreuz erinnert, andererseits der kantigen Linienführung des Gehäuses mit seinen integrierten Bandanstössen.

In Genf stellte die Marke zwei extraflache Modelle – eines davon mit ewigem Kalender – , einen Chronographen sowie ein zierlicheres Damenmodell mit kleiner Sekunde und Brillantbesatz vor. Alle Uhren sind mit automatischen Manufakturkalibern ausgestattet, welche die Genfer Punze tragen. Es gibt die Uhren in unterschiedlichen Metallen, sogar in Stahl. Zur klassischen Zifferblattfarbe Silber gesellen sich Schokobraun, Schiefergrau und ein tiefes Königsblau.

Eine Uhr; drei Varianten. Die Overseas Extrablatt (7,5 mm) mit den drei mitgelieferten Armbändern.

Der Clou der überarbeiteten „Overseas“ sind jedoch die ohne Werkzeug auswechselbaren Armbänder. Jeder Uhr liegen neben dem Gliederarmband ein Alligator-Lederband sowie ein farblich zum Zifferblatt passendes, strukturiertes Kautschukband bei. Sie können mithilfe eines unterseitig am Bandende angebrachten Hebels leicht entfernt und wieder befestigt werden. Am Handgelenk ist es unmöglich, diesen Mechanismus zu entriegeln.

Das Modell mit drei Zeigern und Datum mit seinen Bändern (links). Der Chronograph mit Rückansicht. Der Hebel zum Lösen des Bandes ist gut zu erkennen. Im Werk erkennt man das Schaltrad in Form eines Malteserkreuzes (rechts).

Zu Sommerbeginn folgte dann der zweite Teil der Lancierung, verbunden mit einem Modell, das am SIHH noch nicht zu sehen war: die „Overseas“ mit Anzeige der Weltzeit, eine Funktion, die auf einer Uhr mit diesem Namen durchaus Sinn ergibt, bisher aber in diesem Gehäuse noch nicht realisiert worden war. Es handelt sich um eine Weltzeit-Anzeige nach dem von Louis Cottier 1931 entwickelten System. Die Zifferblattmitte ziert eine Lambert-Projektion unseres Globus als Relief. Der Nordpol befindet sich im Zentrum, wo die Zeigerachsen das Zifferblatt durchstossen. Um den Äquator sind 37 Weltstädte angeordnet, welche die derzeit existierenden Zeitzonen repräsentieren. Die Uhr kann demnach auch Zeitzonen anzeigen, die halbe und gar Viertelstunden zum üblichen Raster verschoben sind. Die Einstellung der eigenen Heim-Zeit ist einfach, das kleine Dreieck auf der Lünette bei 6 Uhr hilft dabei. Bei in Position 1 gezogener Krone wird die Stadt, die sich in der selben Zeitzone befindet wie der Träger, zur Markierung gedreht. Dann wird die Uhrzeit bei voll gezogener Krone eingestellt, sodass nicht nur die Zeigerstellung stimmt, sondern auch die korrekte Stunde im 24-h-Format über der Markierung steht. Nachdem man die Krone wieder eingedrückt hat, zeigen nun die über den diversen Städten erscheinenden Ziffern die dortige Lokalzeit an. Da jedoch die Sommerzeit nicht berücksichtigt wird, muss man sich diese selbst für die betreffenden Orte zusammenrechnen.

World Time Overseas 7700V-110A-B172
World Time Overseas mit blauem Zifferblatt

Vacheron Constantin hat sich für die weltweite Lancierung der neuen Overseas-Kollektion etwas Spezielles einfallen lassen: die Manufaktur liess den bekannten Fotografen Steve McCurry einige der schönsten Orte der Welt in Szene setzen und verwendet die entstandenen Bilder für die neue Werbekampagne.

Die Geschichte der „Overseas“

Kapitel 1

1977, zum 222. Geburtstag der Manufaktur lancierte Vacheron Constantin das Modell „222“, welches durch eine klare Linienführung und eine Designsprache auffiel, die wohl nicht ganz unbeabsichtigt an die erfolgreichen Modelle „Royal Oak“ von Audemars Piguet, „Nautilus“ von Patek Philippe sowie „Ingenieur“ von IWC erinnerte. Alle diese Uhren waren vom Designer Gérald Genta entworfen, der mit einem Schlag berühmt geworden war, nachdem sein Erstling, die „Royal Oak“ wider Erwarten ein grosser Erfolg geworden war. Logisch, dass die Mitbewerber sich eine Scheibe vom Erfolg abschneiden wollten und somit den freischaffenden Designer mit Aufträgen bedachten, die in dieselbe Richtung zielten.

Vacheron Constantin 222

Das Ursprungsmodell „222“ von 1977, entworfen von Jörg Hysek

Nicht so Vacheron Constantin. Die Marke beauftragte den freischaffenden deutschen Designer Jörg Hysek, der erst 1999 seine eigene Marke gründen sollte. Hysek griff die neuen Codes auf, welche Gentas Entwürfe so unverwechselbar machten: als Inspiration diente in allen Fällen das Bullauge eines Schiffs. Alle diese Uhren besassen ein sogenanntes Monocoque-Gehäuse, das aus einem Stück Metall gefräst und nur nach oben offen war. Bei dieser Konstruktion ohne abnehmbaren Boden wird das Uhrwerk von oben eingesetzt und das Gehäuse mit einer breiten Lünette abgedichtet. Im Falle der „Royal Oak“ wurde die Lünette mit dem breiten und von aussen sichtbaren Dichtungsring aufgesetzt und dann mit acht das gesamte Gehäuse durchdringenden Schrauben befestigt. Das erste Modell „Nautilus“ besass gar ein Scharnier, mit dem Lünette und Glas wie bei einem echten Bullauge aufgeklappt wurde. Gegenüber dem Scharnier, bei der Krone, lag ein Verschluss, der mit Schrauben verstiftet wurde. Die „Ingenieur“ von IWC hingegen besass eine Lünette, die als ganzes auf ein grosses Gewinde am Gehäuse geschraubt wurde. Die fünf Löcher fürs Werkzeug waren dadurch nie symmetrisch angeordnet.

Hyseks Entwurf ist von einer Eleganz, die vollkommen zum Charakter von Vacheron Constantin passt und dennoch etwas in der Firmengeschichte nie da gewesenes darstellt. Abgesehen von den Modellen der Konkurrenz inspirierte Hysek sich auch an einem wasserdichten Modell von Vacheron Constantin aus dem Jahr 1933, das bereits damals eine verschraubbare Lünette und kantige Züge hatte.

Bestechend am Gehäuse ist die grosse, längs gebürstete horizontale Facette, auf welcher die wie ein Werkzeug gerändelte Lünette aufliegt. Rechts unten wird die ebene Oberfläche durch eine kleine runde Einfräsung unterbrochen, in welche ein goldenes Malteserkreuz, das Logo von Vacheron Constantin, eingefasst ist. Das Urmodell war mit einem extraflachen Automatik-Kaliber 1121 ausgestattet, das von Jaeger-LeCoultre entwickelt worden war und heute von Audemars Piguet verwendet wird. Das puristische Zifferblatt zierten einzig zwei Zeiger und diamantierte Indexe. Das Datum war die einzige Ziffer darauf. Das integrierte Gliederarmband konnte sofort an den hexagonalen Gliedern in der Mitte erkannt werden. Die Uhr wurde als echte Vacheron Constantin akzeptiert und zu einem Bestandteil der Kollektion.

Kapitel 2

1996, nach 19 Jahren, stand ein erstes Update an. Der heute vor allem für Schmuck bekannte Designer Dino Modolo aus La Chaux-de-Fonds wurde mit der Überarbeitung der Uhr betraut. Die augenfälligste Modifikation betraf die Lünette, deren ursprüngliche Rändelung nun umgestaltet wurde, sodass sie an ein achtflügliges Malteserkreuz erinnerte, ein Werksteil, das im Aufzugsmechanismus alter Uhren zum Einsatz kam und deshalb auch das Markenlogo von Vacheron Constantin ist. Modolo stattete die nun sportlicher aussehende Uhr mit einem Kronenschutz aus und überarbeitete das Gliederarmband. Die neuen, schmalen Zwischenglieder unterstreichen nun die Längsachse des Bands, der Wechsel von gebürsteten und polierten Elementen nimmt der Uhr den Instrumentencharakter, den das Urmodell verströmte. Ging die „222“ noch in einer geraden Linie ins Gliederarmband über, besass der Nachfolger dort eine leichte Taillierung.

Overseas 1 Chrono quer

Das Modell „Overseas“ von 1996 in der Version Chronograph mit Grossdatum und Stahlband

Ausserdem erhielt die Uhr einen neuen Namen, denn der 222. Geburtstag war längst vorbei. Sie nannte sich fortan „Overseas“, was natürlich wiederum an das designgebende Bullauge erinnert. Allerdings war die Konstruktion nun eine konventionelle mit verschraubtem Boden. Die Lünette liess sich nicht drehen, unter anderem, damit die Position der Rändelung sich nicht veränderte.

Kapitel 3

Weitere acht Jahre darauf, im Jahr 2004, folgte die dritte Generation der legendären Uhr, Overseas 2 mit einem grundlegend neu gestalteten Gliederarmband, bei dem die hauseigenen Designer das Malteserkreuz in die Formgebung der Glieder einfliessen liessen. Das neue Design erlaubte es, auf kleine Zwischenglieder zu verzichten, da jedes Glied einen Nachbarn umschloss und vom anderen umschlossen wurde. Die Anspielung an das Malteserkreuz bedingte eine aufwendige Facettierung aller Glieder. Diese keilförmige Facettierung findet sich in der Rändelung der Krone und dem guillochierten Muster auf dem Zifferblatt wieder. Der in das Profil der Lünette eingreifende Kronenschutz machte klar, dass diese sich nicht drehen liess. Abgesehen vom Grundmodell mit drei Zeigern kam eine ganze Familie sportlicher Varianten wie Chronograph und GMT auf den Markt.

Overseas 2 GMT Steel

Das Modell „Overseas“ aus dem Jahr 2004 in einer Version mit zweiter Zeitzone, Zeigerdatum und Gangreserve. Das Armband weist bereits Ähnlichkeiten mit der aktuellen Version auf.

Die diesjährige Lancierung stellt somit die vierte Generation dieser zeitlosen Uhrenfamilie dar, auch wenn es sich erst um die dritte Generation mit dem Namen „Overseas“ handelt. Äusserlich erkennt man die Neue am schnellsten an der Lünette, die nun nur noch sechs Flügel anstelle der bisher acht aufweist. Verschwunden ist auch der Kronenschutz, der bei Generation 2 und 3 jeweils unterschiedlich aussah. Der Raum zwischen den Flügeln der Lünette ist nun wieder durch einen durchgehenden Rand ausgefüllt, wie das bereits beim Modell “222“ der Fall gewesen war. Der grösste nicht sofort erkennbare Unterschied liegt in der benutzerfreundlichen Auswechselbarkeit der Bänder.

Preislich bewegen sich die Modelle nahe an ihren Mitbewerberinnen von Patek Philippe und Audemars Piguet.

Timm Delfs

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