Titelbild: Urwerk EMC TimeHunter. Die mechanische Uhr enthält eine elektronische Gangwaage und ein Messgerät für die Amplitude der Unruh. Die elektrische Energie dafür wird mit einer herausklappbaren Kurbel erzeugt.

Am Freitag, den 22. Januar hat der Genfer Uhrensalon „Salon de la Haute Horlogerie“ seine Pforten geschlossen. Abgesehen von Baselworld ist er das wichtigste der jährlichen Ereignisse der Uhrenindustrie. Dieses Jahr konnte sich die Fondation de la Haute Horlogerie (FHH), die den Event seit 26 Jahren durchführt, dazu durchringen, neun unabhängige Marken, die bisher jeweils als Satelliten, oder Parasiten, wie die Aussteller des SIHH sie eher bezeichneten, Wiederverkäufer und Journalisten in Hotels der Stadt empfingen, in den Salon zu integrieren. Ihnen wurde ein separater Flügel des Ausstellungsgeländes in den Hallen der Palexpo, das „Carrée des Horlogers“ gewidmet, wo sie, je nach Budget, unterschiedlich grosse Stände mieten konnten. Folgende Marken waren dort vertreten: Hautlence, H. Moser & Cie, De Bethune, HYT, Christophe Claret, MB&F, Urwerk, Laurent Ferrier und Kari Voutilainen. Die Massnahme der FHH war eine Flucht nach vorn gewesen, denn die attraktivsten der Satelliten hatten Jahr für Jahr für Unruhe gesorgt, indem sie dem SIHH die Besucher abspenstig machten. Draussen herrschte dann jeweils ein Kommen und Gehen von Limousinen mit Logos von Marken, die am SIHH selbst nicht vertreten waren. Viele SIHH-Aussteller liessen sich jedoch nur widerwillig von der Notwendigkeit des Einbezugs der Konkurrenz überzeugen, was natürlich auch als Kompliment an deren Kreativität betrachtet werden kann. Wenn grosse Konzerne sich vor der Schaffenskraft einer Handvoll unabhängiger Uhrenmarken fürchten, müssen letztere ihre Sache gut machen. Ihre Integration hat jedoch allen Beteiligten etwas gebracht: die Mitglieder der FHH haben wieder mehr Ruhe in ihrem Salon, die 9 neuen Marken profitieren davon, dass sie nun auch Besuch von Leuten bekommen, die noch nie von ihnen gehört hatten, und die Besucher haben die wichtigsten Exponenten an einem Ort konzentriert.

Natürlich gibt es noch immer Uhrenmarken, die von der Anziehungskraft des SIHH profitieren, an dessen Rande ihre Erzeugnisse zeigen und mit Abendveranstaltungen locken. Neben den Lokalmatadoren Franck Muller Watchland und F.P. Journe, denen man es nicht verdenken kann, dass sie ihre Firmensitze zur Durchführung einer Privatmesse nutzen, tun das auch Marken der Swatch Group und der Gruppe LVMH, die nicht bis zu ihrer Messe, der Baselworld warten mögen. Dass Patek Philippe, Rolex und Breitling sich nicht an solchen Guerilla-Aktionen beteiligen, ist Ehrensache und zeugt von Stil.

Die Wolken am Himmel mögen die Absatzzahlen beeinflussen, doch die Kreativität in der Branche scheint ungebremst. Smartwatches sind in den Gefilden der Haute Horlogerie kein Thema. Jedenfalls hatte keine der ausstellenden Marken eine solche im Gepäck. Bei Montblanc war keine Rede mehr vom e-Strap, der voriges Jahr als Studie vorgestellt worden war. Und auch IWC Connected wurde mit keinem Wort mehr erwähnt. Es gab allerdings eine Marke, die den Ball in anderer Form aufnahm und eine mechanische Uhr im vergrösserten Kleid einer Apple Watch präsentierte. Das war die „Swiss Alp Watch“ der Schaffhauser Marke H. Moser & Cie (siehe vorigen Beitrag).

Einen Effekt mögen die diversen connected Watches und der Medienhype darum herum allerdings bewirkt haben: Elektronik und Mechanik sind sich nicht mehr spinnefeind. So gab es Uhren mit elektronischen Elementen sowohl bei experimentierfreudigen Marken als auch bei solchen, wo man es nicht vermutet hätte, zu sehen. Dass eine avantgardistische Marke wie Urwerk ein Modell mit einer elektronischen Zeitwaage ausstattet, die auf Verlangen die Präzision des Uhrwerks quarzgenau überprüft, vermag nicht zu überraschen. Dass HYT, eine Marke, deren Uhren die Zeit mit gefärbter Flüssigkeit in Kapillaren anzeigt, eine elektrische Beleuchtung einbaut, passt ebenfalls irgendwie zur Philosophie der Marke. Doch wenn Piaget eine Herrenuhr herausbringt, deren mechanisches Werk, das Kaliber 700P mit automatischem Aufzug, anstelle einer mechanischen Hemmung eine elektronisch gesteuerte Bremse enthält, und wenn Van Cleef & Arpels, bekannt für edle Schmuckuhren, die diamantenen Sterne auf einem nachtblauen Zifferblatt per Knopfdruck erstrahlen lässt, ist man doch eher überrascht. Allen diesen Uhren ist gemein, dass die Energie, die sie benötigen, nicht aus einer Batterie stammt, sondern vom Träger selbst geliefert wird, sei es über eine Kurbel, eine drehbare Krone oder einfach über einen Knopf, der Spannung erzeugt, wenn er gedrückt wird.

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Bild: Das mechatronische Werk 700P von Piaget beruht auf einer Schweizer Erfindung von 1972. Anstelle einer mechanischen Hemmung enthält das mechanische Kaliber eine elektronische Drehzahlkontrolle.

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Bild: Van Cleef & Arpels Midnight Nuit Lumineuse. Ein Prototyp, der zeigt, wie Elektronik und Schmuckuhr zusammenpassen könnten. Mit dem Drücker wird auf piezoelektrischem Weg Spannung erzeugt, welche einzelne Diamanten durch LEDs aufleuchten lassen.

Während die „Métiers d’Art“, also die Kleinstkunst auf Zifferblatt und Gehäuse im Vorjahr noch stark im Fokus der Kommunikation stand, ist sie dieses Jahr beinahe ein wenig selbstverständlich geworden. Cartiers eigens dafür eingerichtetes Atelier in La Chaux-de-Fonds erfindet laufend neue Handwerkskünste, diesmal in Form der Granulierung von Glas. Dabei entsteht auf dem Zifferblatt ein Mosaik aus winzigen Glaskügelchen, welche sich durch gezieltes Erhitzen mit ihrem ebenfalls gläsernen Untergrund verbinden, ohne zu schmelzen. Bei Piaget wiederum gibt es Zifferblätter mit Einlegearbeit aus Holz und Perlmutt, wobei die Puzzleteile mikroskopisch klein sind.

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Bild: Cartier Ballon Bleu mit Email-Granulation (Foto Vincent Wulveryk/Cartier)

Der Trend zu immer grösseren Uhren scheint den Zenit überschritten zu haben, wie die Rückbesinnung bei IWC zeigt, wo etliche Uhren der Fliegerkollektion im Vergleich zum Vorjahr um 2 mm geschrumpft wurden. Die kleinste Kollektion misst sogar nur 36 mm im Durchmesser. Eine Ausnahme bestätigt allerdings die Regel: die grosse Fliegeruhr der Schaffhauser Marke misst stolze 55 mm im Durchmesser, genau wie ihr Vorbild aus dem 2. Weltkrieg.

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Bild: Kleine Fliegeruhr von IWC mit 36mm Durchmesser.

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