Variocurve V4
Nord Zeitmaschine Variocurve V4 mit gebläuten Elementen.
Ordnung ist alles
Die unzähligen winzigen Einzelteile müssen säuberlich beschriftet und inventarisiert sein, um den Überblick nicht zu verlieren.
Qiuckindicator V4 schwarz
Quickindicator V4 in kratzfester schwarzer DLC-Beschichtung.
Ausgerüstet
Daniel Nebel in seiner Werkstatt neben der selbst konstruierten CNC-Fräse.

Der Solothurner Daniel Nebel konzipiert und baut seine raffinierten Uhren im Alleingang. Selbst die Maschinen zur Herstellung der Komponenten hat er zum grossen Teil selbst gebaut.

Nein, mit einer Nord Zeitmaschine kann man nicht in die Zukunft reisen. Dazu sind die Geräte zu klein, denn sie werden am Handgelenk getragen. Dennoch, sie sehen immerhin so aus, als kämen sie aus der Zukunft. Es gibt zwei Grundmodelle, deren Gemeinsamkeit darin liegt, dass ihr Minutenzeiger alles andere tut, als was man von ihm erwarten würde. Beim Modell Variocurve, der ersten Entwicklung des Tüftlers, vollführt die Zeigerspitze in der oberen Hälfte des Zifferblatts eine Kurve, die an die Umrisse einer Banane erinnert, statt einen Kreis zu beschreiben. Um vom Schauspiel nicht abzulenken, werden die Stunden numerisch auf einer sich langsam drehenden Scheibe angezeigt. Nebel erreicht das aussergewöhnliche Verhalten des Minutenzeigers, indem er ihn von zwei gegenläufigen Kurbeln bewegen lässt, wobei der Drehpunkt der oberen Kurbel in einer langen Öffnung im Zeiger hin- und hergleitet. Diese Mechanik, die man in der Industrie bei Rührwerken finden kann, hat auch den Nebeneffekt, dass sich die Zeigerspitze des Modells Variocurve nicht mit gleichbleibender Geschwindigkeit bewegt, weshalb auch die Minutenteilungen entlang der gebogenen Kurve nicht konstante Abstände hat. An den zwei Wendepunkten, also bei den Enden der Banane, bewegt sich die Zeigerspitze sogar so langsam, dass der Erbauer dort je eine Skala eingebaut hat, die sich auf den Zeiger zu bewegt und damit die Ablesbarkeit durch grössere Abstände zwischen den Markierungen erleichtert.

Auch die Modelle der Linie Quickindicator besitzen einen Minutenzeiger, der verrückt zu spielen scheint. Hier ist der Effekt vielleicht umso erstaunlicher, als der Zeiger aus der Mitte des Zifferblatts agiert. Doch auch er hat zwei Drehpunkte und tut nicht das, was man von ihm erwartet. Seine Spitze ist schneller unterwegs, überstreicht aber innerhalb der Stunde, in der er sich dreimal um seine exzentrische Achse dreht, niemals dieselbe Bahn auf dem Zifferblatt, die er an vier Punkten kreuzt. Das eine Faszinosum dieser Uhr ist, dass man die Bewegung des Minutenzeigers von blossem Auge wahrnehmen kann, das andere die Schönheit der Kurve, die der Tanz dieses Zeigers wie eine Eisprinzessin beschreibt.

Das Erstaunlichste an diesen Uhren jedoch ist vielleicht ihr Urheber, denn er ist Erfinder und Hersteller zugleich, ohne jemals eine Uhrmacher-Ausbildung absolviert zu haben. Daniel Nebel, Jahrgang 1971, ist gelernter Maschinenmechaniker und hat auch etliche Jahre auf dem Beruf gearbeitet. Sein Aufgabenbereich bei der in der Region verwurzelten Firma Häusler drehte sich um Industrielle Anlagen im Bereich Energiegewinnung und Ölförderung. Er war oft im Aussendienst im In- und Ausland unterwegs, um bei der Montage und Reparatur grosser Anlagen zu assistieren. Weiter von der Mechanik einer Uhr konnte er dabei nicht entfernt sein. 1997 wechselte er zur Firma Pneumatex, wo als neue Betätigungsfelder Elektronik und Steuerungstechnik dazukamen. Ein Gespräch unter Freunden über das komplexe Gehäuse seiner Omega Seamaster aus Titan weckte erst sein Interesse am Objekt Uhr, das er bis dahin kaum beachtet hatte. „Könntest Du so ein Gehäuse herstellen?“ wollte der Bekannte wissen. Das war die Initialzündung, die ihn dazu brachte, sich in der Freizeit mit den Besonderheiten von Uhrengehäusen auseinanderzusetzen. Die in der Garage seiner Eltern eingerichtete Werkstatt wurde allmählich zur Produktionsstätte ungewöhnlicher Uhrengehäuse und selbst gestalteter Zifferblätter.

Im Jahr 2001 registrierte Daniel Nebel die Marke Nord Zeitmaschine. Nord, weil Büsserach sich im Norden der Schweiz befindet. Seine technisch angehauchten Kreationen, damals noch mit herkömmlicher Zeitanzeige, fanden Anklang, und so war es nur eine Frage der Zeit, bevor sich der Tüftler an die unter der Verpackung liegende Mechanik machte. 2011 war es soweit: er bekam einen kleinen Stand an der Baselworld und präsentierte sein erstes Modell Variocurve, das 2013 vom Quickindicator gefolgt wurde. Bekräftigt durch die Bestellungen während der Uhrenmesse, wagte er in jenem Jahr auch den Sprung in die Selbständigkeit.

In seinen eigenen vier Wänden erledigt Nebel die ruhigen Arbeiten. Hier fertigt er Zeichnungen an und konstruiert neue Mechanismen am Computerbildschirm. Hier befindet sich aber auch das Etabli, an dem er die Komponenten zu fertigen Uhren zusammensetzt. Dazu muss es ruhig und sauber sein. 80% seiner Arbeitszeit jedoch verbringt er in der elterlichen Garage, wo mittlerweile zwei computergesteuerte Maschinen stehen, die er selbst konstruiert und angefertigt hat: eine Drehbank und eine Fräse mit vollautomatischem Werkzeugwechselsystem. Abgesehen vom Uhrwerk und vom Armband fertigt Daniel Nebel praktisch alles selbst; für jede Uhr etwa 100 unterschiedliche Teile, vom Gehäuse bis zum winzigen Messingzapfen, die nicht nur produziert, sondern auch katalogisiert und versorgt sein wollen. Zusätzlich zum Handwerk eine enorme logistische Herausforderung für einen Einzelnen. Doch Daniel Nebel will sich seine Unabhängigkeit bewahren und ein Kleinbetrieb bleiben. „Die Uhreninbranche ist grossen Schwankungen unterworfen. Da möchte ich lieber die Freiheit behalten, ohne die Verantwortung für Angestellte zu bleiben.“ Zur Baselworld 2016 soll ein weiteres Modell zu den zwei bestehenden Familien stossen, das beide in Komplexität übertrifft. Die Teile dazu hat Daniel Nebel vor unserem Besuch in seiner Werkstatt jedoch wohlweislich verschwinden lassen. Auch das Hüten von Geheimnissen und Überraschungen will in dieser Branche gelernt sein.

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